Job Shadowing in Tallinn

Unsere Schule ist Partner der Erasmus-Akkreditierung ELLEu (Erasmus+ Lehren und Lernen in Europa) der Deutschen Bildungsdirektion und ermöglicht ihrem Personal EU-geförderte Fortbildungen im Ausland. Hier können Sie den Erfahrungsbericht von unseren Lehrpersonen Eppacher Hannah und Amato Claudia lesen.

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Gemeinsam mit meiner Kollegin Claudia Amato durfte ich Ende März ein Job Shadowing in Tallinn absolvieren. Am Anreisetag erkundeten wir zunächst die Stadt, bevor wir ab Montag spannende Einblicke in das estnische Bildungssystem erhielten.

Wir besuchten die Avatud Kool, die von Schülerinnen und Schülern der Schulstufen 1 bis 9 besucht wird. Der Name „Avatud Kool“ bedeutet so viel wie Offene Schule – und genau das spiegelt sich auch in ihrem Unterrichtskonzept wider. Die Schule wurde 2017 als Privatschule mit rund 90 Schülerinnen und Schülern gegründet. Seit 2025 ist sie eine öffentliche Schule und zählt heute etwa 520 Schülerinnen und Schüler.

Etwa ein Viertel des Unterrichts ist durch Project-Based Learning geprägt. In jeder Schulstufe werden über das Jahr verteilt vier bis fünf Projekte durchgeführt, die jeweils innerhalb von sieben Wochen bearbeitet werden. Jedes Projekt beginnt mit einer Leitfrage und endet mit einem konkreten Produkt, das die Schülerinnen und Schüler präsentieren. Mit zunehmendem Alter werden die Themen komplexer und die Projekte umfangreicher. Es handelt sich dabei um fächerübergreifende Vorhaben. Insgesamt bearbeiten die Schülerinnen und Schüler während ihrer neun Schuljahre 41 Projekte. Nach jedem Projekt wird der Stundenplan der Klasse angepasst, sodass jede Klasse vier bis fünf unterschiedliche Stundenpläne pro Schuljahr hat.

Der Unterricht beginnt morgens um 9 Uhr und endet – je nach Wochentag und Klasse – zwischen 15 und 16 Uhr. Besonders beeindruckt hat uns, dass die Schülerinnen und Schüler auch am Nachmittag noch ruhig und konzentriert arbeiten. Dazu tragen vermutlich auch die zehnminütigen Pausen zwischen den Unterrichtseinheiten bei, in denen sie sich bewegen und neue Energie tanken können.

Ein weiterer zentraler Pfeiler der Schule ist das selbstregulierte Lernen. Dieses Konzept wurde über Jahre hinweg kontinuierlich aufgebaut, und der Umfang der selbstständig gestaltbaren Lernzeit nimmt mit den Schulstufen zu. Die Schülerinnen und Schüler der 1. bis 3. Stufe erhalten dafür fünf Tage pro Jahr, jene der 4. bis 6. Stufe einen festen Tag pro Woche, und die Jugendlichen der 7. bis 9. Stufe verfügen an jedem Schultag nach dem Mittagessen über ein eigenes Zeitfenster. Sie erhalten Arbeitsaufträge, die innerhalb dieser Zeit zu erledigen sind, und können selbst entscheiden, ob sie zu Hause alleine lernen, sich mit anderen treffen oder in der Schule arbeiten möchten. Zu festgelegten Zeiten stehen Lehrkräfte online oder in einem Klassenzimmer für Fragen zur Verfügung. Zusätzlich hat jede Schülerin und jeder Schüler eine Mentorin bzw. einen Mentor, mit der bzw. dem die persönliche Entwicklung, Schwierigkeiten und Reflexionen regelmäßig besprochen werden.

Dieses System hat uns sehr beeindruckt. Auch wir sind der Meinung, dass selbstständiges Lernen frühzeitig und schrittweise mit Kindern eingeübt werden sollte. Dafür braucht es klare Strukturen und Regeln, damit die Schülerinnen und Schüler die Bedeutung der Eigenverantwortung für ihr Lernen verstehen und zunehmend übernehmen können.

Darüber hinaus erhielten wir Einblicke in zahlreiche Unterrichtsstunden, darunter Mathematik, Estnisch, Russisch, Spanisch und Englisch. Teilweise teilten wir uns auf, da Frau Amato und ich unterschiedliche Fächer unterrichten und so bestmöglich von den Hospitationen profitieren konnten.

Sehr positiv fiel uns außerdem das Fachraumsystem auf. Ab der 5. Schulstufe verfügen die Lehrkräfte größtenteils über einen eigenen Klassenraum, während die Schülerinnen und Schüler zwischen den Räumen wechseln. Dadurch können die Räume deutlich individueller gestaltet und genutzt werden, was sowohl für die Schülerinnen und Schüler als auch für die Lehrpersonen viele Vorteile bietet.

Am Donnerstag hatten wir zudem die Gelegenheit, im Rahmen einer zweistündigen Führung die weiterführende Schule PERG zu besichtigen. Auch diese Schule hat uns sehr beeindruckt. Jeden Donnerstag besuchen die Schülerinnen und Schüler selbstgewählte Module, die ihren Interessen und Bedürfnissen entsprechen. Dabei kann es sich um Förderangebote, Leistungskurse oder auch um ganz andere Themenbereiche handeln. Die große Auswahl an Modulen war für uns überwältigend. Auch hier beginnt der Unterricht erst um 9 Uhr und endet am späten Nachmittag. Die Schülerinnen und Schüler haben wöchentlich wechselnde Stundenpläne und müssen beachtliche Leistungen erbringen, um in die nächste Schulstufe aufzusteigen.

Insgesamt wurde uns deutlich, warum Estland bei den PISA-Studien seit Jahren so erfolgreich abschneidet: Von den Schülerinnen und Schülern wird viel erwartet, gleichzeitig werden sie jedoch auch gezielt begleitet und gefördert. Dadurch gelingt es dem Bildungssystem, ein hohes Leistungsniveau zu halten – eine Einschätzung, die uns auch von den Schulleitungen bestätigt wurde.

Natürlich kamen während unseres Job Shadowings auch die Kultur und die Stadt selbst nicht zu kurz. Von der wunderschönen Altstadt über den Fernsehturm bis hin zu einem Tagesausflug nach Helsinki war vieles dabei. Wir konnten zahlreiche schöne Erinnerungen sammeln und viele wertvolle Anregungen für unsere eigene Arbeit im Klassenzimmer mitnehmen. Einige Ideen befinden sich bereits in gemeinsamer Planung.

Eppacher Hannah, Mittelschule St. Johann

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